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Interview

Mit Minister Etienne Schneider

Raymond Juchem: Herr Minister, als wir Sie im Juli 2014 an dieser Stelle auf den Aufbau des Logistikbereichs und dessen Auswirkungen auf die POST fragten, war noch Vieles in Vorbereitung. Wie sehen Sie die Chancen der Post in diesem Bereich aus heutiger Sicht? Warum kann gerade die Post sich berechtigte Hoffnungen machen, um in diesem Bereich Gewinne zu erwirtschaften?

Étienne Schneider : Im Logistikbereich kann sich POST sehr berechtigte Hoffnungen machen, weil generell der Trend des Konsumverhaltens und das sich daraus ergebende wirtschaftliche Wachstumspotential für eine rosige Zukunft der Logistikbranche sprechen. Weltweit hat das Internet heute bereits das Verhalten der Kunden maßgeblich verändert. Die luxemburgische POST bemerkt dies – positiverweise – bei gesteigerten Paketlieferungen. 

Doch die Zukunft der Logistikbranche wird sich nicht auf Transportwege beschränken, sondern Logistikunternehmen werden sich als vielfältige Dienstleister entwickeln. Sie werden Zusatzdienste anbieten und damit einen Mehrwert schaffen, der eigene Ressourcen generiert. Die Logistikbranche ist deshalb auch so zukunftsträchtig weil sich die Wertschöpfungsstufen noch in viele Richtungen verlängern lassen.

Regierung und POST sind sich dessen vollauf bewusst und geben sich die nötigen Mittel um auf diesem Zukunftsmarkt eine bedeutende Rolle zu spielen. Nehmen wir als Beispiel das im vergangenen Jahr besiegelte Partnerschaftsabkommen mit Singapore Post. Damit hat POST ein Standbein in dem boomenden und sich weiter entwickelnden asiatischen Markt. Hier stellt man Weichen für die Zukunft, die selbstverständlich der POST aber auch z.B. dem Luxemburger Flughafen zugutekommen.

Insgesamt sehe ich viele gute Gründe, warum POST im Logistikbereich Gewinne erwarten kann. Die Zeichen der Zeit wurden frühzeitig erkannt und man ist heute bereits sehr gut aufgestellt. 

All dies - einerseits die unbestrittenen Wachstumsaussichten der Logistikbranche, andrerseits die gute Aufstellung der POST in diesem Bereich – geben mir Anlass optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Raymond Juchem.: Auch wenn Sie als zuständiger Minister nicht direkt an den Entscheidungen des Verwaltungsrats der POST Group beteiligt sind: Würden Sie nötige Investitionen befürworten, damit POST in diesem Zukunftsprojekt der Logistik optimal funktionieren kann?

Étienne Schneider : Die verantwortlichen Stellen der Post müssen diese Entscheidungen aufgrund ihrer Analysen und aufgrund von Kosten/Nutzen-Abwägungen treffen. Und wenn sich dort echte Chancen ergeben, wäre es falsch, eine weitere Entwicklung zu hemmen, indem man bei Investitionen permanent auf der Bremse stehen würde. 

Eigentlich haben Sie das entscheidende Wort in Ihrer Fragestellung bereits mitgeliefert: Wenn es darum geht, „optimal“ zu funktionieren, wäre es einfach nur töricht, nötige Investitionen von vornherein abzulehnen. 

Raymond Juchem: Die Zusammenarbeit zwischen Banque Raiffeisen und Cactus läuft nun schon seit einiger Zeit. Wie ist da Ihre Einschätzung, und sind Sie mit der Entwicklung dieser Projekte zufrieden? War dieser Weg der Zusammenarbeit zwischen POST und größeren Luxemburger Unternehmen unumgänglich?

Étienne Schneider : Die Zusammenarbeit zwischen POST und den beiden Unternehmen Cactus und Banque Raiffeisen ist mit Sicherheit der beste Weg, um den zahlreichen POST-Kunden einen optimalen Service zu bieten und gleichzeitig die  erfolgreiche Zukunft des Unternehmens zu sichern. 

Erst einmal hat POST enge Partnerschaften mit einem angesehenen und in seinem Filialnetz weit verbreiteten Luxemburger Bankhaus und mit einer genauso angesehenen und praktisch überall vertretenen luxemburgischen Handelskette schließen können. Allein schon, dass diese Partnerschaften als Ergebnis eines aktiven Managements von POST zustande kamen, werte ich als Erfolg.

Die zwei Projekte sind unterschiedlicher Natur und demzufolge müssen auch die Bewertungsgrundlagen unterschiedlich sein. Die Kooperation mit der Banque Raiffeisen hat POST immer als langfristiges Projekt dargestellt. Da man keine eigene Postbank schaffen will und kann, und wenn einem die Ressourcen in einer andauernden Niedrigzinsphase wegbrechen, war es daher nötig und richtig, sich einen Verbündeten zu suchen, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Richtig bewerten kann man dies erst in einer Reihe von Jahren, aber die strategischen Inhalte der Partnerschaft und die Wahl des Partners Raiffeisen scheinen mir absolut richtig zu sein.

Die Zusammenarbeit mit Cactus hat einen anderen Hintergrund und eine andere Ausrichtung. 

Ob wir es nun gut finden, oder nicht, müssen wir jedoch unumwunden feststellen, dass sich die Tageseinteilung der Menschen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wesentlich verändert hat. Und die Wege, die sie innerhalb eines Tages zurücklegen, sind andere geworden, als früher.

POST Luxembourg hat die Aufgabe und das Ziel, nah am Kunden zu sein. Und wenn der Kunde während der allgemeinen Öffnungszeiten nun weniger oft an seinem eigentlichen Wohnort ist, dafür aber regelmäßig in Einkaufszentren verweilt, dann ist es eine folgerichtige Entscheidung, dort auch Dienstleistungen von POST anzubieten. Hierin sehe ich einen praktischen Gewinn für die Mehrzahl der POST-Kunden, weil sich das Angebot der Verkaufsstellen von Postprodukten damit vergrößert hat. Zugleich ist POST heute das einzige Unternehmen in Luxemburg, das seinen Kunden sämtliche Postprodukte und Postoperationen vor der Haustür anbietet, durch eine persönliche Betreuung seitens der Briefträger. 

Raymond Juchem.: Die Briefträgergewerkschaft ist gegen die massive Schließung von Postämtern und hätte eine flexiblere Lösung bevorzugt. Beispielsweise müsste in einzelne mittelgroße Postämter investiert werden, um sie attraktiver und kundenorientierter zu gestalten, nicht zuletzt auch aus ökologischen Gründen. Es hätte durchaus Sinn gemacht, in die Weiterbildung der Schalterbeamten zu investieren bzw. die Produktpalette in den mittelgroßen Postämtern zu erweitern (Telekom und postalische Angebote). Der beste Cactus- oder Tankstellenmitarbeiter kann einen POST-Schalterbeamten nicht wirklich ersetzen. Außerdem können nicht alle Dienstleistungen außerhalb von POST oder in einem „Drinkshop“ bzw. einer Tankstelle angeboten werden. Der zusätzliche Rückgriff auf den Briefträger stellt diesbezüglich eine alternative Lösung dar, die nur für einzelne POST-Dienstleistungen in Frage kommt. Schließlich geht es bei den Schließungen auch um das Image von POST Luxembourg. Sind Sie nicht auch der Meinung, dass man zu einem Kompromiss gelangen müsste, der es erlauben würde, mehr Postämter bestehen zu lassen?

Étienne Schneider : Ich will und werde mich nicht in eine Detaildiskussion über Erhalt und Schließung von Postämtern und über mögliche oder unmögliche Alternativvorschläge einlassen. Das ist Aufgabe der Postdirektion. 

Prinzipiell bin ich jedoch der Meinung, dass dort, wo POST ihre eigenen Verkaufsstellen betreibt, die Produktpalette allumfassend und der Service qualitativ hochwertig sein sollen. Da, wo POST drauf steht, soll auch die ganze POST enthalten sein. 

Wie viele dieser alles umfassenden Verkaufsstellen es geben muss, hängt vernünftigerweise zum einen sehr entscheidend von den Kundenwünschen ab und soll zum anderen von der Sorge geprägt sein, eine geographische Verteilung zu haben, die unzumutbare Distanzen ausschließt. Wie man dies auch unter der Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte am besten in die Praxis umsetzt ist, wie gesagt, die Aufgabe der Postdirektion.

Was die ausgeweitete Präsenz einiger Postprodukte betrifft, sehe ich das, wie in der vorigen Frage bereits erläutert, als ein Entgegenkommen an eine immer zunehmende Zahl von Kunden, die es positiv bewertet, wenn sie zu erweiterten Öffnungszeiten Postprodukte in Einkaufszentren, an Tankstellen usw. vorfindet.

Selbstverständlich stimme ich mit Ihnen überein, dass der qualifizierte Postbeamte einen unstrittigen Mehrwert hat, für einen Kunden, der diesen Mehrwert auch benötigt, weil er eine Beratung sucht und braucht. Für gängige Produkte ist diese Beratungsverfügbarkeit aber nicht immer und überall direkt vonnöten.

Und andersherum betrachtet: Ist es nicht eine Vergeudung von Talent und Wissen, wenn ein qualifizierter und motivierter Postbeamte irgendwo im Land in einem Schalter festgehalten wird, an dem nur wenige Kunden sich einfinden? Ist es dann nicht besser, wenn man die Qualifikation des Postbeamten dort nutzt, wo mehr Kunden in einem attraktiven Angebotsumfeld auch mehr Beratung brauchen? Ist es im Endeffekt nicht auch für den einzelnen Beamten erfüllender, wenn er sein Wissen und seine Erfahrungen mit mehr Menschen teilen kann, als an anderer Stelle unterfordert zu sein?

Raymond Juchem.: POST hat in den letzten Jahren viel investiert. Wann und in welchen Bereichen erwarten Sie, dass diese Investitionen ihre Früchte tragen und wieder Gewinne in den bisher gewohnten Bereichen erwirtschaftet werden können?

Étienne Schneider : Es ist richtig, dass POST in der jüngsten Vergangenheit viel investiert hat und die „Gewinne“ schon sichtbar sind. Diese Investitionen kommen nicht nur POST zugute, sondern auch den einzelnen Bürgern und hier ansässigen Unternehmen. Denken wir an das flächendeckende Glasfasernetz, an ICT, an Datenzentren, 4G usw. Hier hat POST bedeutenden Anteil daran, dass Luxemburg einer der Vorreiter in diesen Bereichen ist. Und die Vorreiterrolle ist bereits „Gewinn“ für unsere wirtschaftliche Entwicklung und damit für uns alle.

Raymond Juchem.: Der Briefträgerberuf besteht seit es die Post gibt. Als Gewerkschaft werden wir ständig mit leicht rückläufigen Zahlen in der Postverteilung konfrontiert. Welche Möglichkeiten sehen Sie künftig für diesen Beruf?

Étienne Schneider: Sicherlich wird sich einiges ändern, aber am eigentlichen Stellenwert des Briefträgers wird festgehalten, so wie es bei allen Grundsatzdebatten um das neue Postgesetz immer wieder betont wurde und so wie es auch in der Zukunftsstrategie von POST festgehalten ist.

Die rückläufigen Zahlen der Postverteilung sind seit Jahren feststellbar und werden wohl weiter zurückgehen. Hingegen nimmt die Zahl der zu transportierenden Pakete zu. Ein positives Signal, auch wenn es „noch“ nicht reicht um die Verluste im Briefgeschäft zu kompensieren.

Eingangs haben wir von den Chancen der Logistikbranche gesprochen. Auch das wird Auswirkungen auf den Beruf des Briefträgers haben. 

Die soziale Komponente nicht zu vergessen, sie wird nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des Briefträgerberufes sein.

Letztendlich kann aber hier und heute keiner mit Gewissheit sagen, wie sich der Beruf des Briefträgers verändern wird. Bei keinem Beruf kann man dies behaupten. Deshalb erscheint es mir wichtig, dass der einzelne Briefträger sich bewusst ist, dass er sich mit seinem Unternehmen und innerhalb seines Unternehmens manchmal zu Teilen neu erfinden muss, um sich den zukünftigen Herausforderungen zu stellen. 

Raymond Juchem.: Bei POST arbeiten nach wie vor viele Beamte im Statut des öffentlichen Dienstes. Sehen Sie das als problematisch für die Zukunftsvision von POST an?

Étienne Schneider : Nein. 

Raymond Juchem.: Welche Bilanz würden Sie nach fünf Jahren als verantwortlicher Minister der Post ziehen?

Étienne Schneider: Ich bin mir grundsätzlich der vielen Herausforderungen bewusst, denen sich POST stellen muss, da in ihren drei Geschäftsfeldern bedeutende Umwälzungen stattfinden. Dies zu bewältigen ist beileibe keine leichte Aufgabe und daher beruhigt es mich ungemein, die Leitung von POST Luxembourg in guten Händen zu wissen.

Raymond Juchem.: Welches wäre Ihre persönliche Botschaft an die Adresse der Belegschaft der POST Group?

Étienne Schneider: Was tagtäglich von allen Mitarbeitern von POST geleistet wird, verdient höchste Anerkennung. Die Belegschaft kann stolz auf ihre Arbeit und ihr Unternehmen sein. Wir leben in einer Zeit voller Veränderungen und müssen daher
alle – jeder in seinem Zuständigkeitsbereich – flexibel genug sein, um die Chancen der Zukunft ergreifen zu können. Wenn wir das zusammen schaffen, haben wir alles richtig gemacht!